Ja, für zwei, drei Augenblicke, in dem er kein Jucken verspürte, war Keller oben auf. Doch dann sah er auf der von aufgewirbeltem Staub verdunkelten Waldstraße einen weinroten Opel Frontera, der – sagen wir – etwa 300 Meter vor ihm auf seine Fahrspur wechselte und ihm nicht schnell, eher gemütlich, aber mit beängstigender Zielstrebigkeit entgegenfuhr, Kellers Fahrspurwechsel mit einem erneuten Fahrspurwechsel und Kellers Lichthupe mit einer doppelten Lichthupe beantwortete, um schließlich, langsamer werdend, vor ihm, Stoßstange an Stoßstange, zum Stehen zu kommen. Auf Kellers Stirn umrandete eine Schweißspur vier eitrig-verkrustete Windpocken; sein Körper zitterte fiebrig. Aus dem Geländeopel stieg ein Mann, vielleicht Mitte Vierzig, mit Holzfällerjacke und einer überdurchschnittlichen Anzahl an Augenbrauenhaaren und formte dabei unter seiner ebenso breiten wie kurzen Nase ein asymmetrisches, feindseliges Grinsen, das Keller entweder bei Silvio Berlusconi, Hannibal Lecter oder Muammar al Gaddafi schon mal gesehen hatte; genau konnte er sich nicht erinnern. Keller tat nichts, außer zu starren.
„Du bist zu schnell gefahren“, sagte Berlusconi mit Staccato-Stimme durch Kellers offenes Fahrerfenster und legte eine Hand, die in einem fingerlosen Strickhandschuh mit Thinsulate-Fütterung mit der Aufschrift „Left Hand Of God“ steckte, auf das Dach von Kellers Wagen, genau auf Höhe seines Kopfes, so, als habe er Kellers Besessenheit bewiesen und wolle sie durch Handauflegung exorzieren. Nicht mehr als drei Sekunden verstrichen, in denen sich sowohl Kellers Herzfrequenz als auch Blutdruck um etwa ein Drittel erhöhten, bis ihm schließlich eine Antwort in den Sinn kam. Ja, es war nicht gerade eine deeskalierende Antwort, das kann er nun, da er ohnehin nicht mehr am Leben ist, einräumen, aber witzig und der Situation durchaus angemessen, wie er in dem Moment fand.
„Tut mir leid, ich bin blind und kann weder Verkehrsschilder noch die Geschwindigkeitsanzeige meines Wagens erkennen.“
„–“
„Im Übrigen kann ich auch Sie nicht sehen, bemerke aber wohl am Klang Ihrer Stimme, dass Sie aufgebracht sind.“
„–“
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fügte Keller hinzu, da er auf Aussagesätze offenbar keine Reaktion erwarten konnte. Berlusconis hatte aufgehört zu grinsen; er erinnerte Keller nun weniger an den italienischen Staatschef, als an den Ültje-Mann; ein Gedanke, den Keller jedoch gleich wieder verwarf, denn mit etwas Haargel, einem Rasierapparat und zwei einigermaßen gleich aussehenden Gesichtshälften, so dachte er, könnte wohl jeder Eichhörnchenkopf in den des Ultje-Mannes verwandelt werden.
„Du bist mit 80 Sachen durch den Wald gebrettert, Du–“
„Wie gesagt, ich bin blind. Mein Gefühl sagt mir aber, dass Sie stark übertreiben.“
„–kleiner Pisser. Ich hau dir–“
„Ihr Auto steht im Weg.“
„–auf die Fresse.“
„Machen Sie die Straße frei? Oder möchten Sie noch einen Vers aus der Bibel vorlesen?“, fragte Keller und blickte Berlusconi dabei abwechselnd in die Augen und in die Hüfte, in die er seine Hand gestemmt hatte. „Right Hand Of God“, stand auf dem Handschuh; ein verfickter Christ, dachte Keller, oder einer, der sich seine Kleidung vom Sozialhilfeverein besorgt? Berlusconi jedenfalls schnaufte eine Wolke aus winzigen Spucketröpfchen in die Luft, reckte seinen Zeigefinger empor und ging wortlos den längeren Weg um seinen Frontera herum, während sich Kellers Augen unter seiner Sisley-Design-Brille nach links und rechts verdrehten, um in den Seitenspiegeln Fluchtmöglichkeiten zu erkunden (Keller war kurzsichtig und die Staubwand, die sich hinter seinem Wagen noch undurchsichtiger als vor ihm aufbaute, machte ihn gewissermaßen noch kurzsichtiger.) und seine Nebennieren noch etwas Adrenalin freisetzten; sein Körper funktionierte in dieser Hinsicht ja ganz gut.
Im Rückspiegel konnte Keller seine senkrecht im Kofferraum stehende Luis-Vuitton-Yogamatte wahrnehmen, die er gestern Abend nicht benutzt hatte, weil ihn Milla damit aufgezogen hatte. Berlusconi verschwand aus Kellers Blickfeld, was ihn noch mehr beunruhigte. Er lockerte den Knoten seiner Wollkrawatte von Fabio Farini, die seine Pocken aufscheuerte. Milla hatte viel gelacht und gestichelt, nicht nur über Kellers Aussehen, das sie an einen Unfall mit Bienen erinnerte, sondern auch über seine pinkfarbene Zahnbürste, seinen Mitgliederausweis für den Schlafapnoe e.V. (auf dessen Rückseite geschrieben steht: „Alle munteren Schnarcher wissen: Schlaf nie ohne Nasenkuschelkissen“) und seine Art, auf Alkohol zu reagieren: schlagartig. Sie war dabei nie bösartig, im Gegenteil: Keller war verschossen gewesen in ihr Lachen und Sticheln; nicht erst gestern Abend, sondern schon Monate zuvor. Gern wählte er ihre Nummer, wenn er Probleme mit seinem 15,4-Zoll MacBook hatte; gern hätte er sie häufiger gewählt, doch seine Schüchternheit hatte wohl andere Pläne mit ihm, wie dem auch sei.
Im Kofferraum seines Fronteras fand Berlusconi ein Herbertz-Campingbeil mit einer Grifflänge von 23 und einer Klingenlänge von 13,7 Zentimetern, das er sich lässig auf die linke Schulter legte.
Ende des ersten Teils. Mehr?